Mythos Hess – Zur Geschichte der Nazi-Aufmärsche

Am 19. August 2017 wollen hunderte Neonazis in Spandau zu Ehren des NS-Kriegsverbrechers Rudolf Heß aufmarschieren. Der Heldenmythos um Heß ist nicht nur geeignet, die verschiedenen Spektren der deutschen und internationalen Nazis zusammenzuführen, sondern bedient insbesondere das Bedürfnis nach Rehabilitierung und Glorifizierung des historischen Nationalsozialismus.

Die Liste der Versuche von Nazis den Nationalsozialismus zu verherrlichen ist lang und insbesondere – aber nicht nur – mit der Person Rudolf Hess verbunden. Nach der Selbsttötung von Heß im August 1987 trafen sich allabendlich bis zu 200 Nazis vor dem Gefängnis in Spandau. Nach dessen Abriss verlagerten sich die Aufmärsche nach Wunsiedel, wo Heß begraben wurde. Dort, und später aufgrund Verboten in anderen Städten, trafen sich jährlich bis zu 2000 Nazis. Polizeiliche Repression und antifaschistische Intervention brachten einen Rückgang der Teilnehmer*innenzahlen. Als das Demonstrationsverbot in Wunsiedel wieder aufgehoben wurde, erhöhte sich die Attraktivität des Naziaufmarsches. Im Jahr 2004 kamen über 4500 Nazis nach Wunsiedel.

Aber Wunsiedel war nicht der einzige Ort, an dem der Nationalsozialismus verherrlicht wurde. Ende der 90er und zu Beginn der 2000er Jahre gab es große Naziaufmärsche z.B. gegen die Wehrmachtsausstellung in München (5.000 Teilnehmer*innen), die Aufmärsche am Kriegsgräberfriedhof in Halbe (1.600 Teilnehmer*innen) und nicht zuletzt den Trauermärschen in Dresden (6.000 Teilnehmer*innen). Vor allem zogen diese Mobilisierungen viele Nazis aller Coleur an, weil sie eine nationalsozialistische Erlebiswelt schufen – mit Fahnen, Trommeln und Musik von Richard Wagner. Andererseits versuchten sie Einfluss zu nehmen auf den Diskurs um deutsche Geschichte, indem sie Täter (wie z.B. Hess, Wehrmachtssoldaten) zu Opfern stilisierten.

Erfolgreiche antifaschistische Kampagnen, wie “NS Verherrlichung stoppen” oder “Dresden nazifrei” erreichten mit Demonstrationen und Blockaden ein Ende dieser Aufmärsche. Letztendlich scheiterten auch die neonazistischen Trauermärsche in Magdeburg und Bad Nenndorf am Widerstand von Antifaschist*innen und Bewohner*innen. In den letzten Jahren versuchten Nazis mit dezentralen Aktionen an ihr Idol Rudolf Hess zu erinnern. Meist waren dies aber nur Aufkleber oder Flugblattverteilaktionen in verschiedenen Städten der Bundesrepublik.

Mit ihrem Aufmarsch zum 30. Todestag von Rudolf Hess versuchen die Nazis an die erfolgreichen Mobilisierungen von vor 15 Jahren anzuknüpfen. Die Verherrlichung des Nationalsozialismus ist für dieses Spektrum nichts Althergebrachtes, sondern äußerst attraktiv. Diese Nazis schöpfen ihre Motivation und die argumentative Berechtigung für Angriffe auf Flüchtlingsheime und politsche Gegener aus dem Mythos Heß und der Stilisierung von Deutschen als Opfer. Dass sie damit nicht allein oder ein zu vernachlässigendes Häufchen ewig Gestriger sind, zeigen Forderungen von AfD und Konsorten nach einem Schlusstrich unter die deutsche Geschichtsaufarbeitung.

Keine Wiederbelung des Rudolf Heß Marsches!

NS-Verherrlichung stoppen!
Nie wieder Krieg!